Von Pilzen, Glocken und Palästen
Wir wollten raus aus dem Dezembergrau und entschlossen uns kurzfristig für einen Städtetrip nach Sevilla in Andalusien. Die Temperaturen sind auf der iberischen Halbinsel zu dieser Zeit angenehm mild und es gibt kein Matsch- und Nebelwetter wie oft bei uns daheim. Mit relativ wenig Touristen konnten wir uns ganz entspannt auf die Attraktionen in der „Wiege des Flamencos“ einlassen.
Unser erstes Highlight war zugleich das wohl bekannteste Bauwerk von Sevilla, der Alcázar. Er ist der älteste noch genutzte Königspalast Europas und UNESCO-Weltkulturerbe. Die Anlage hat eine lange, bis in die maurische Zeit zurückreichende Baugeschichte und wird bis heute von der spanischen Königsfamilie bei Aufenthalten in Sevilla als offizielle Residenz genutzt.
Ursprünglich wurde der Alcázar als maurisches Fort angelegt und später mehrfach erweitert. Viele Baustile sowie christliche und islamische Einflüsse finden sich in dem über die Jahrhunderte entstandenen Komplex wieder. So entstanden z. B. unter den katholischen Königen, Karl V und Philipp II., Bauten mit gotischen Elementen, die in starkem Kontrast zu der dominierenden Mudéjar-Architektur stehen.
Große Teile vom Palast und den Gärten sind für Besucher zugänglich. Zahlreiche Bauwerke und Statuen schmücken die Gartenanlagen, deren kleinteilige Gliederung durch Mauern in den Sommermonaten Schutz gegen heiße Winde gewährt.
Eine weitere Sehenswürdigkeit, die wir unbedingt besuchen wollten, war die Kathedrale von Sevilla. Die gotische Kirche ist die größte Spaniens und als eine der größten Kirchen der Welt ebenfalls Weltkulturerbe. Während einer professionell geführten Tour kamen wir nicht nur in das große Kirchenschiff, in dem neben vielem Anderen der Sarkophag von Christoph Kolumbus steht, sondern auch in Bereiche, die dem Besucher ohne Begleitung verwehrt bleiben. Außerdem erhält man in anschaulicher und kurzweiliger Form jede Menge Informationen und kann sich ganz nebenbei von der Größe und Pracht der Kathedrale beeindrucken lassen.
Als letzte Besucher des Tages waren wir mit unserem Guide auch im Giralda. Der aus Backstein gemauerte Turm ist das ehemalige Minarett einer alten maurischen Moschee. Heute dient er als Glockenturm der Kathedrale und ist das bedeutendste Wahrzeichen Sevillas. Im Inneren stiegen wir über eine Rampe hinauf bis auf die Höhe des Glockenstuhls. Auf Treppen wurde bei der Errichtung des Turms verzichtet, um das benötigte Baumaterial mit Hilfe von Pferden nach oben schaffen zu können und um Nachrichten rasch durch Reiter zu verkünden. Im Glockenhaus angekommen, bestaunten wir die 24 Glocken, die in die verschiedenen Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Höhepunkt der Kathedralen-Führung war dann Punkt 17 Uhr eine Kostprobe des Geläuts. Einige der Glocken werden um die Achse ihrer hohen Holzjoche gedreht, manche auch nur bis in die Waagerechte gependelt und wieder andere werden mit ihrem Klöppel angeschlagen. Ein ohrenbetäubender Lärm, wenn man direkt daneben steht. Die enorme Lautstärke ließ uns und die gesamte Besuchergruppe recht schnell die Flucht ergreifen und zurück in die Gassen der Altstadt absteigen.
Am meisten beeindruckt hat uns zwischen all den historischen Gebäuden der Altstadt der Metropol Parasol, auch als Las Setas (übersetzt: Die Pilze) bezeichnet. Die moderne Konstruktion besteht aus Holz, Beton und Stahl. Die sechs sonnenschirmartigen Strukturen mit pilzähnlicher Form, die stellenweise miteinander zu einem Sonnenschutz verbunden sind, wurde von den deutschen Architekten Jürgen Mayer entworfen und von 2004 bis 2011 an der Stelle einer früheren Markthalle errichtet.
Unter dem Metropol Parasol befinden sich Läden, ein Markt, Bars, Restaurants und ein archäologisches Museum. Seit seiner Einweihung hat sich der Aussichtspunkt Setas von Sevilla zu einer wichtigen Touristenattraktion in der Stadt entwickelt und ist ein Muss für Touristen.
Am späten Nachmittag fuhren wir mit dem Aufzug auf das knapp 30 Meter hohe Dach der Pilze. Dort verbindet ein breiter Steg die einzelnen Konstruktionen und wir konnten den Rundumblick auf das angrenzende Stadtzentrum im flachen Licht der untergehenden Sonne so richtig genießen. Mit Beginn der Dämmerung erlebten wir ein noch spektakuläreres Schauspiel. Die Wabenkonstruktion der Pilze wird in ständig wechselnden Farben und Farbverläufen beleuchtet. Wir konnten uns am Spiel der fließenden Farben, in denen sich die organischen Formen hoch oben über der Stadt präsentierten, gar nicht sattsehen.
Letztendlich trieb uns dann unser Appetit wieder nach unten ins Herz der Stadt. Wie an den Abenden zuvor spielte sich in der Altstadt das Leben in und vor den Bars und Kneipen ab. Gefühlt trifft sich hier ganz Spanien, egal ob Jung oder Alt, zum sozialen Austausch. Die Auswahl eines Lokals ist nicht schwierig. Wir machten es wie der Spanier und besuchten an einem Abend einfach mehrere. Einen mit Sightseeing ausgefüllten Tag bei andalusischem Sherry, einem Cruzcampo und verschiedenen Tapas ausklingen zu lassen, ist wohl das Beste, um die Seele von Sevilla zu ergründen.

